Hellmut Culmann


Briefe


(22 b) Billigheim (Pfalz), 12.12.1946 über Landau

An Frau Elisabeth von Oettingen
Braunfels a. d. Lahn

Liebe Frau Professor!

Mit herzlichem Dank erhielt ich Ihren lb. Brief vom 8. Sept.de., in dem Sie mir über die schweren Schicksale Ihrer lb. Familie berichteten. Erst jetzt komme ich dazu, meine rückliegende Korrespondenz zu erledigen. Jeden Tag ist so viel Alltagsarbeit, amtlich und privat, zu bewältigen und die Zeit, so schwer sie ist, eilt auf Windesflügeln dahin. Aber ich hatte Sie nicht vergessen und oft weilten meine Gedanken bei Ihnen und Irem lb. Mann und Ihrer Familie. Ich habe persönlich von meinen Verwandten im Sonnenlande noch kein Lebenszeichen, doch haben verschiedene Freunde an ihre Verwandten nach hier geschrieben. Pfarrer Schliemann ist noch in Florianopolis, er hat durch Krebskrankheit seine Frau verloren. Die alte Frau Mentz von Porto Alegre schrieb an Ihre Verwandten, alle sind wohlauf. Die Südamerikaner hier in Deutschland warten immmer noch auf ihre Rückreisegelegenheit, die sich infolge mangels an Schiffraum verzögert. Pfarrer Steltmann und Strierle, an deren Namen Sie sich vielleicht noch erinnern, sind hier in Deutschland verstorben. Das Grab meiner lb. Frau ist unversehrt erhalten geblieben, wiewohl auch Teile des Landauer Friedhofs betreffn wurden. Zum Heimgang Ihres Schwiegersohnes aus Welfen spreche ich Ihnen nachträglich mein Beileid aus. Es ist doch fast jede Familie mit irgendeinem Trauerfall betroffen! Der Winter hat heute bei uns seinen Einzug gehalten. Schneefall. Die Not der Menschen ist überall groß in jeder Beziehung. Vor allem auch die seeliche Not. Es tut mir leid, daß Ihr lb. Gatte in seinen alten Tagen noch solches durchhalten muß. Wir gleichen heuten dem Lazarus im Evangelium. An Staufen bin ich einmal vor 6 Jahren vorbeigezogen. Es fiel mir auf, durch seine romantische Lage. Ich habe dort einen Bekannten, Herrn Fritz Hepp mit Familie, Vetter des alten Dichters Emil Strauß, vielleicht lernt ihn Familie Frebenius einmal kennen. Er ist schon lange jr.a.D. Seine Vorfahren waren in der Pfalz Pfarrer. Neulich las ich irgendwo von einem Dir. des Goethe-Schiller-Archivs in Weimar, Prof. Dr. v. Öttingen, der wohl ein Verwandter Ihres Gatten war. Von Pfr. Wolf habe ich schon länger kein Lebenszeichen, habe ihm auch heute geschrieben. Es gibt heute viele Dinge, von denen sich unsere Schulweisheit nichts trämen läßt. In unserer Landerskirche der frz. Feldbischof, Herr Oberst Sturm, besichte uns, ferner von der Union protestante chretienne der alte Hugenottenpastor Dr. Rambaud, der mit einer Pfälzerin verheiratet war und den ich vor vielen Jahren kenen gelernt hatte. Er sprach zweimal in meiner Pfarrei. Bei uns ist so weit alles beim Alten. Meine Schwester Gertrud ist noch bei mir, ohne große Besserung mit ihrem Leiden. Mein Schwager Artur Voos ist seit Monaten zurück und gibt öfter Orchester-Konzerte. Seine Frau, meine Schwester Irene, besucht uns öfter und erzählt uns aus Musik- und Künstlerleben. Unser elterliches Haus in Annweiler, das 1947 wiederhergestellt werden soll, habe ich vor kurzem gesehen. Es ist strak mitgenommen, wie der ganze Stadtkern. Am "Trifels, der deutschen Gralsburg", wie ihn eine neue Schrift nennt, wird weitergebaut. Nun will ich schließen. Möchte uns das kommende Jahr den in aller Welt ersehnten Frieden bringen! Zu Weihnacht und Neujahr übersende ich Ihnen und Ihrer lb. Familie herzliche Segenswünsche, vor allem daß die Getrennten bald wieder miteinander vereinigt werden möchten!
In alter Verbundenheite des Glaubens und der Hoffnung!
Ihr ergebener C.



(22 b) Billigheim (Pfalz), 12.12.1946 über Landau

Herrn Dr. Emil Strauß,
Freiburg i. Br.
Reichsgrafenstr. 8

Lieber Herr Doktor!

Mit bestem Dank erhielt ich Ihr Lebenszeichen vom 25.06.ds., das ich erst heute erwidere, da ich erst jetzt zur Erledigung meiner Korrespondenz komme. Die Mitteilung, daß Sie noch leben, hat mich gefreut, doch daß Sie in Ihren alten Tagen sich so sehr einschränken müssen, bedauere ich tief und nehme herzlcihen Anteil an Ihrem Befinden. Aus unserer alten Sonnenheimat haben verschiedene Freund und Verwandte geschrieben, denne es anscheinend wohl geht. Dieser Tage sprach ich eine Damen aus Chile, die ich fragte, ob es noch dortselbst eine Familie Hepp gäbe, was sie mir bestätigte. Das werden wohl Ihre Verwandten sein. Auch das Schicksal Ihres Vetters Hepp in Staufen bedauere ich sehr. Der Winter, der nunmehr seinen Einzug hält, wird hoffentlich nicht zu hart werden, denn überall ist es knapp an Brand. Gebe Gott uns Kraft, daß wir diese Prüfungen und Heimsuchungen überstehen. Möge es bald Friede werden auf Erden! Sie waren stets ein Erzieher zur Menschlichkeit und Barmherzigkeit, zur Güte, Ihr ganzes Lebenswerk zeugt davon. Es tut mir leid, Ihnen von hier aus nicht helfen zu können. Aber wenn Sie irgendwelche Wünsche habe, die ich weitegeben kann, so tue ich dies gerne. Gerhart Hauptmann ist auf der Insel Hiddensee begraben worden. In den Sarg ließ er sich sein Neues Testament mitgeben, in das er hineingeschrieben hatte: "Dies Buch ist Zeuge meines Ringens um Gott." Das Pfarrhaus hier, in dem Ihre Vorfahren amtierten, ist nur ganz gering beschädigt worden. Mehr Schaden ist an unserer alten Kirche, die von der Reformationszeit bis heute alle Stürme überstanden hat. Meine Kanzel trägt die Jahreszahl 1628. Sie hat also ganze Generationen von Pfarrern "ertragen". Der Purzelmartk, ein Volksfest von 1450, mit Bauernrennen, Trachten und Volkstänzen, hat in diesem Jahre wieder stattgefunden. Schade, daß Sie nicht einmal meine Heimat besuchen konnten! Das Pfarrhaus in Barbelroth, in dem gleichfalls ein ref. Pfarrer Hepp einst amtierte, steht noch. Ich habe vor kurzem in Vertretung Gottesdienst darin gehalten, da die dortige Kirche zerstört ist.
Ihnen und Ihrer Gattin wünsche ich an Ihrem Lebensabend alles Liebe und Gute. Zu den Festtagen sende ich Ihnen meine ergebensten Segenswünsche. "Ein Licht leuchtet in der Finsternis." Mit diesem alten Hugenottengruß meiner Gemeinde begrüße ich Sie in freundlichem Gedanken!
Ihr C.






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